Erfahrungen & Bewertungen zu Corinna Spaeth
 

Kein Bock das Home Office zu verlassen! Was nun?

Kein Bock das Home Office zu verlassen! Was nun?

Unternehmen wie Siemens treiben mobiles Arbeiten voran und leiten, so wie Roland Bausch es betont, „eine Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur“, ein. An zwei bis drei Tagen pro Woche sollen Mitarbeiter nicht mehr ins Büro oder ins Werk müssen. Und das weltweit.

Siemens stellt keine Ausnahme dar. Viele kleinere, mittlere und größere Unternehmen haben gesehen, wie produktiv und effektiv mobiles Arbeiten sein kann. Was bedeutet das für Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter in die Selbstorganisation begleiten? Es ist sicher eine Art des Führens, die nicht auf Face-Time setzt, sondern eine, die Freiheitsräume bewusst zulässt und den Blick auf Prozesse und Ergebnisse lenkt.

Doch es gibt auch Unternehmer, die aktuell sehr irritiert sind, weil ihre Mitarbeitenden nicht mehr zurück in die Firma wollen. Was ist da schiefgelaufen, wenn sich ein „Null Bock-Phänomen“ breitmacht? Hat dann die Führungskraft versagt? Mitnichten. Die Gründe sind vielschichtig.

Im Interview mit Kathrin Doering, Head of HR des prosperierenden Münchener Startups Testbirds GmbH, beleuchten wir unterschiedliche Perspektiven und gewinnen viele interessante Insights mit handfesten Praxisimpulsen.

Corinna Spaeth: „Frau Doering – wie waren die Reaktionen Ihrer Mitarbeitenden nach der langen Home-Office Pause?

Kathrin Doering: „Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Manche gaben die Antwort, dass sie sich sofort auf ihren Platz im Büro gefreut hatten. Andere gaben die Antwort, dass es für sie zunächst eine Überwindung war und dann die Erkenntnis, dass sie gar nicht wussten, was ihnen gefehlt hatte.“

Corinna Spaeth: „Was war der Hauptgrund für diesen Meinungswechsel?“

Kathrin Doering: „Eine wichtige Grundvoraussetzung ist sicherlich die, dass den Mitarbeitenden im Büro etwas geboten wird, was sie zu Hause nicht haben. Das fängt mit dem sozialen Aspekt an, dass wir bei Testbirds die wichtige Regelung eingeführt haben, dass es erlaubt ist, zu zweit im Büro zu sein. Das hat  viele dazu bewogen, regelmäßig in die Firma zu kommen. Davor war der Tenor der, dass sich manche beklagten, dass wenn sie ohnedies alleine im Büro säßen, sie dann auch zu Hause bleiben könnten. Die Sinnhaftigkeit hatte gefehlt.“

Corinna Spaeth: „Was waren weitere Aktivitäten und Veränderungen, die gezielt bei Testbirds vorgenommen wurden?“

Kathrin Doering: „Von elementarer Bedeutung waren auch Aspekte, die für Entertainment, Gemeinschaft und eine gute Wohlfühlatmosphäre sorgten. So haben wir wieder unser gemeinsames Feierabend-Bier eingeläutet, die Kühlschränke aufgefüllt, die Kaffeemaschine angestellt und die Obstkörbe verteilt. Das klingt nach wenig, hatte aber bei uns große Effekte. Viele haben genau dadurch zurückgespiegelt, dass es endlich wieder eine Normalität im Büro gäbe und wie gut ihnen das täte.“

Corinna Spaeth: „Und das spricht doch genau ein Grundbedürfnis von vielen Mitarbeitenden an: Zurück in die Normalität! Zumindest wieder das Eintauchen in dieses Geborgenheitsgefühl im „New Normal“. Das könnte auch gleichzeitig ein wertvoller Diagnose-Schlüssel für manche Führungskraft sein. Wie gestalten wir das in der Firma? Vermitteln wir das Gefühl? Manchmal können es auch schwelende Konflikte sein, die durch die Corona-Zeit lediglich verdrängt, jedoch nicht gelöst wurden. Mit gewonnener Distanz wird manchen dann erst bewusst, wie anstrengend die Konflikte mit den Kollegen doch waren und wie viel Energie sie gekostet haben. Hier kann ein vertrauliches Gespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeitendem sicher Wunder wirken. Doch was waren noch wertvolle Erkenntnisse, die Sie bei Testbirds gewonnen haben?“

Kathrin Doering: „Zugehörigkeit und das damit verbundene Entertainment sind definitiv nicht zu unterschätzen. Nur wenn Mitarbeitende auch in Meetings Kontakt zu ihren Kollegen haben oder in der Küche gemeinsam lunchen durften, war die freiwillige Präsenz im Office am höchsten.“

Corinna Spaeth: „In Gesprächen höre ich immer wieder heraus, dass es auch manche Mitarbeitende gibt, die sich im Hinblick auf das Virus Sorgen machen und Ängste haben, sich gerade im Büro von Kollegen anzustecken. Wie gehen Sie bei Testbirds damit um?“

Kathrin Doering: „Für uns war es von Anfang an wichtig, dass wir im Managementboard Sicherheit durch eine gute Organisation vermitteln. Wir sprechen ganz offen über den Umgang mit Verdachtsfällen von Corona. Hier thematisieren wir immer wieder, dass sich niemand für einen Fehlalarm zu schämen braucht, sondern dass wir besondere Vorsicht sehr schätzen. Diese positive Verstärkung gesundheitsförderlicher Präventivmaßnahmen hat viel bei uns bewirkt. Der Austausch untereinander genau zu diesem Thema hat sich erhöht und das Vertrauen in uns als Unternehmen und in die Kollegengemeinschaft ist dadurch gewachsen. Es ist absolut wichtig, Ängste ernst zu nehmen.“

Corinna Spaeth: „Gärt in manchen Mitarbeitenden auch die Sorge, dass das liebgewonnene Home Office ihnen wieder weggenommen wird?“

Kathrin Doering: „Das hatte bei uns auch eine Rolle gespielt. Auch hier waren offene Kommunikation und Transparenz vertrauensbildend. Klarzustellen, dass wir nicht jetzt oder in Zukunft verlangen werden, jeden Tag im Büro zu sein. So kann jeder offen über die Vor- und Nachteile beider Arbeitsplätze sprechen ohne Sorge zu haben, dass dadurch eines von Beiden zukünftig in Gefahr ist.““

Corinna Spaeth: „Was sollten Führungskräfte beachten, die in der Selbstorganisation auch zeitgleich Strukturen anbieten wollen?“

Kathrin Doering: „Mir helfen feste Office-Tage. Ich habe festgestellt, dass es ganz entscheidend ist, dass ich mir selbst feste Tage einplane. Ansonsten ist es zu vage und dann ist schon 08.30 Uhr und dann denkst Du, jetzt ist es auch zu spät, um noch ins Büro zu gehen. Meine Empfehlung ist es daher, im Team feste Office-Tage festzulegen, so dass man sich zu Präsenzterminen verabreden kann bzw. auch Kolleg*innen zur gemeinsamen Kaffeepause“

Am Ende spielt das eigene Mindset der Führungskraft eine entscheidende Rolle. Wie interpretiere ich das Ausbleiben meiner Mitarbeitenden? Was sind meine ganz persönlichen Beweggründe, weshalb ich meine Mitarbeitenden unbedingt in meiner Nähe haben möchte? Wo kann mir eine offene Analyse der Situation gemeinsam mit den „Ausbleibern“ helfen, wichtige Mängel wie z.B. Großraumlärm, schlechtes Teamklima, etc. aufzudecken und gute Lösungen zu finden.

Wer dieses Thema gerne mit uns vertiefen möchte, ist herzlich zu unserem Eröffnungs-Meet up unserer Gruppe LÖWENSTARK IM BUSINESS eingeladen am: 25.08.20 um 18.30 Uhr

Diejenigen, die gerne das Thema Selbstorganisation in den Sommerferien mit dem entsprechenden Sound vertiefen möchten, können uns im Podcast Krisenheld auf Folge 6 mit dem Thema hören: Home Office als Spiegel der Unternehmenskultur.

Auf allen gängigen Podcastplattformen abrufbar und auch auf: www.krisenheld.com

Du oder Dein Unternehmen befindet sich gerade in der Krise?

Kennst Du schon unsere Krisen-Formate?

Melde Dich zu unserem kostenlosen Newsletter an und wir informieren Dich automatisch, wenn es einen neuen FREISCHWIMMER-Blogartikel gibt.

Verwandte Beiträge